Gemeinde Auenwald

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Karl Stirner und Rosenberg

Im Rathaus Rosenberg gibt es über dem Erdgeschoss zwei Stockwerke, die von den Beschäftigten dort kurz und knapp „Köderstock“ und „Stirnerstock“ genannt werden. Sie haben ihren Beinamen von den beiden Malern Sieger Köder und Karl Stirner, weil im jeweiligen Geschoss Originale und Drucke der beiden Künstler hängen. Mit Sieger Köder verbindet die Virngrundgemeinde zwei Jahrzehnte seelsorgerisches Wirken in den Kirchengemeinden Hohenberg und Rosenberg. Karl Stirner wurde am 4. November 1882 in Rosenberg geboren und nach seinem Tod am 21. Juni 1943 in Schwäbisch Hall zwei Tage später auf dem Rosenberger Friedhof beigesetzt.

Karl Stirner wurde am 4. November 1882 in Rosenberg geboren. Er hatte keine schöne Kindheit; sein Vater wanderte vor seiner Geburt nach Amerika aus und ist dort verschollen. Seine Mutter Josepha, geb. Scheuermann, schlug sich schlecht und recht mit ihrem kleinen Sohn als Bauernmagd durchs Leben. Eine Erbschaft in Form eines kleinen Häuschens im Ellwanger Stadtteil Schleifhäusle verbesserte die Situation der beiden. Karl besuchte die Volksschule und begann als dreizehnjähriger eine Lehre als Zimmermaler bei Severin Weber in Ellwangen. Unmittelbar nach Beendigung der Lehre starb 1899 seine Mutter, das Haus wurde versteigert und der 17jährige war heimat- und mittellos.

Ein unstetes Wanderleben führte ihn in die Dörfer und Städte der näheren und weiteren Umgebung, wo er Fensterläden und Gartenzäune strich. Insgeheim wollte er aber Landschaftsmaler werden. Mit einem Stipendium konnte er 1906 drei Semester lang die Königliche Kunstgewerbeschule in Stuttgart besuchen. Doch behagte ihm das akademische Malen nicht, „der größte Teil der Fächer war mir zu trocken, denn ich suchte in allem das Leben“, notierte er später über diese Zeit. Mit dem Verkauf kleiner Arbeiten und Illustrationen fristete er mühselig die nächsten Jahre. 1913 konnte er Eduard Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännlein“ illustrieren. Dies war sein künstlerischer Durchbruch und der Name Karl Stirner wurde einem breiten Kunstpublikum bekannt.

Um ein Lungenleiden zu lindern, reiste er 1915 in die Oase Biskra nach Algerien und verbrachte danach die nächsten sechs Jahre in der Schweiz. Dort konnte er einige Wochen bei dem berühmten Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner studieren, was seinen Malstil entscheidend beeinflusste. Stirner malte ab jetzt freier, er verließ die zeichnerische Bindung an die Linie und betonte mehr die Farbe. Radierungen und Holzschnitte entstanden nach dieser wichtigen Begegnung. 1916 lernte er dort Hermann Hesse kennen, mit dem er bis zu seinem Lebensende im brieflichen und persönlichen Kontakt blieb. Nach einem Aufenthalt in Sizilien kehrte er 1921 nach Deutschland zurück, heiratete am 19. Mai 1923 in Ellwangen Pauline Wagner aus Schleifhäusle und hatte mit ihr vier Kinder. Die Tochter Rosa lebt heute in Gaildorf, der Sohn Hermann fiel im II. Weltkrieg, die Zwillinge Marianne und Elisabeth verheirateten sich später in die USA. Seine Frau Pauline starb 1889 bei einem Besuch ihrer beiden Töchter im US-Staat Maryland.

Immer wieder und vor allem wegen seiner chronischen Bronchitis zog es Karl Stirner während der Wintermonate in den Süden. Bereits 1925 reiste er nach Capri, 1929/30 war er ein zweites Mal in der algerischen Oase Biskra, 1930/31 besuchte er mit seinem Schwäbisch Gmünder Malerfreund Alois Schenk Palästina (Schenk’s Vater stammte übrigens aus Geiselrot, einem Teilort Rosenbergs), den Winter 1933/34 verbrachte er auf Sizilien und 1937 konnte er noch einmal Italien besuchen. Ab 1938 erfolgten längere Krankheitsphasen und Karl Stirner konnte immer weniger malen. Seine chronische Bronchitis fesselte ihn immer mehr ans Krankenlager. Im Sommer 1943 begab er sich schließlich ins Diakonissenkrankenhaus Schwäbisch Hall, wo er am 21. Juni 1943 starb. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde er am 23. Juni in seinem Geburtsort Rosenberg begraben.

In der Gemeinde Rosenberg ist Karl Stirner ein Begriff; alle unter 40jährigen Rosenberger sind in die Karl-Stirner-Schule gegangen und haben dort Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Allerdings nicht mehr mit der berühmten Stirnerfibel („Fibel für die katholischen Volksschulen Württembergs“) aus dem Jahre 1933, die insgesamt in sechs immer wieder veränderten Auflagen gedruckt wurde und deren erste Ausgabe durch den Betulius-Verlag Stuttgart 2003 eine sehr guten Nachdruck erfahren hat.

Die Rosenberger Karl-Stirner-Gemeinschaftsschule hat durch Ausstellungen ihren Namensgeber immer wieder ins Bewusstsein ihrer Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer gerückt. Ein großes Stirnerporträt schmückt den Eingangsbereich der Schule und in den Fluren begegnen dem Besucher immer wieder Stirnerbilder, teils Originale, teils interpretierte und bearbeitete Stirnermotive.

Bei öffentlichen Anlässen rezitieren Rosenberger Schülerinnen und Schüler gerne Stirnergedichte, nachdem sie diese in seinen Büchern „Auf Wanderschaft“ (1922), „Von Mir und Dir“ (1924), „Es wird alle Jahre wieder recht“ (1928) und in seinem bekannten „Karl-Stirner-Buch“ (1935, Neuausgabe 1946) ausgesucht und auswendig gelernt haben. Zu seinem 125. Geburtstag am 4. November 2007 enthüllten Rektor Wolfgang Streicher und Bürgermeister Uwe Debler einen neuen Schriftzug an der Karl-Stirner-Schule.

An Stirners Geburtshaus in der Ellwanger Straße in Rosenberg erinnert eine Gedenktafel an den bekannten Sohn der Gemeinde. Eine der längsten Straßen Rosenbergs trägt den Namen „Karl-Stirner-Straße“, sie beginnt in der Ortsmitte zwischen Kirche und Rathaus und führt in den südwestlichen Teil des Ortes. Das Grab Stirners im östlichen Teil des alten Rosenberger Friedhofs ziert einen Wanderer seines alten Freundes Jacob Wilhelm Fehrle; die Gemeinde erhält und pflegt es für ihren Ehrenbürger Karl Stirner. In manchen Rosenberger Häusern hängen wohlbehütet und sehr geschätzt Stirneroriginale. Für die Rosenberger Pfarrkirche „Zur Schmerzhaften Mutter“ hat Karl Stirner 1935 ein Ölbild des Gründers der Rosenberger Kirchengemeinde, Pater Philipp Jeningen, gemalt.

Karl Stirner hat die Großen seiner Zeit gekannt und pflegte mit ihnen bis zu seinem Tod zahlreiche Kontakte. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss äußerte sich mehrfach lobend über ihn. Im Deutschen Literaturarchiv / Schiller Nationalmuseum in Marbach befindet sich ein Brief Hermann Hesses an Karl Stirner, wo der große Dichter über die Stirnerbilder in seiner Fibel schreibt: „Ihre Fibelbilder sind, wie mir scheint, ausgezeichnet. Weitaus am besten sind mir die, denen man gleich ansieht, dass sie direkte Naturstudien sind. Die erfundenen und stilisierten gefallen mir weniger gut, aber auch sie sind hübsch. Ich bin gar nicht dafür, dass man Kindern allzu vereinfachte, flache, ‚kindlich’ frisierte Bilder vorlegt. Gerade darum gefallen die Ihren mir sehr gut“ (Brief datiert vom 22.12.1932). Wahrlich das Urteil eines Kenners – der Dichter Hermann Hesse zeichnete und malte selber gerne und gut!

Hermann Sorg

Lebenslauf des Malerpoeten Karl Stirner

1882 Geboren am 4. November in Rosenberg

1896 Lehre als Zimmermaler bei Malermeister Severin Weber in Ellwangen. Erster Zeichenunterricht in der Abendschule

1906/07 Besuch der Kunstgewerbeschule in Stuttgart bei Prof. Hans Kolb

1913 Illustrationen zum "Stuttgarter Hutzelmännlein" von Eduard Mörike. Bekanntschaft mit dem Dichter Dr. Ludwig Finckh

1913/14 Erste Reise nach Biskra in Algerien

1915-20 Aufenthalt in der Schweiz. Zuerst im Lungensanatorium Agra/Tessin, später dann in der Gegend von Locarno, im Engadin sowie am Ägeri- und Zürichsee

1916 Zusammenarbeit mit Hermann Hesse bei Buchveröffentlichungen für deutsche Kriegsgefangene

1919 Begegnung mit E. L. Kirchner auf der Stafelalp bei Davos. Stirner wird von dessen expressionistischem Malstil beeinflußt.

1920/21 Erste Sizilienreise (Taormina)

1921 Rückkehr in die Heimat

1925 Reise nach Capri

1929/30 Zweite Reise nach Biskra in Algerien

1930/31 Reise nach Palästina zusammen mit Malerfreund Alois Schenk aus Schwäbisch Gmünd

1932/33 Illustration und Herausgabe der "Fibel für die katholischen Volksschulen in Württemberg"

1933/34 Reise nach Sizilien. In Syrakus lernt er den Malerkollegen Beppe Assenza kennen

1935 Herausgabe des "Karl Stirner-Buches" im Fink-Verlag, Stuttgart

1937 Reise nach Italien. Auf der Rückreise Besuch bei Hermann Hesse in Montagnola/Tessin

1938 Seine Krankheit (chron. Bronchitis) verhindert produktives Arbeiten

1943 Am 21. Juni stirbt Karl Stirner im Diakonissenkrankenhaus in Schwäbisch Hall. Am 23. Juni wird er in seinem Heimatort Rosenberg zur letzten Ruhe gebettet.